Bildnachweis: www.pixabay.com (meditation-2214532)
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Die Gabe der Objektivität

– Warum Neutralität gerade jetzt ein wertvoller Begleiter ist –

Was für belebte Zeiten… 2020 fordert uns alle massiv heraus, Liebgewonnenes und alte Gewohnheiten nicht bloß in Frage zu stellen, sondern teilweise komplett aufzugeben. Veränderung steht für jeden einzelnen von uns ins Haus – ob wir wollen oder nicht.

Veränderung macht uns Angst – ist aber notwendig

Vor vielen Jahren schon hat mir ein geschätzter Freund und Mentor mit auf den Weg gegeben, dass die Menschen freiwillig nur selten zu Veränderung bereit seien. Wenn es uns gut geht, neigen wir dazu, den Status Quo um jeden Preis aufrecht erhalten zu wollen. Wir schaffen uns Konstrukte, die uns Kontrolle über eben diese Situation vorgaukeln und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Zu wirklich tiefgreifender Veränderung – und damit der Aufgabe von Kontrolle und Ego – zwingt uns meist das Leben selbst und geschieht damit nur selten aus freien Stücken. Denn Veränderung entzieht uns Sicherheiten und nimmt uns vertraute Strukturen, an denen wir doch so gerne festhalten. Das macht vielen Menschen Angst und ist nachvollziehbar. Und dennoch (oder gerade deshalb) ist Veränderung so unendlich wertvoll und lebenswichtig. Das Konzept der Kontrolle ist am Ende eben nicht mehr als reine Illusion. „Veränderung heißt Leben. Stillstand bedeutet Tod“, pflegte mein Mentor immer zu sagen. Die Natur zeigt uns das jeden Tag.

Corona drängt uns alle nun in eine Situation, die Veränderung in einem sehr plötzlichen, sehr heftigen und sehr unbequemen Maße mit sich bringt. Eine Veränderung, die uns teils radikal dazu zwingt, uns zu bewegen und in andere Richtungen zu denken als bisher. Das birgt eine gewaltige Chance – wenn wir sie denn weise zu nutzen wissen. Und wenn wir es unseren Ängsten nicht erlauben, unser Denken und Handeln zu steuern.

Was ist die Wahrheit? Und welche innere Haltung braucht es jetzt?

Was ich derzeit in den Medien und an der inneren Haltung vieler Menschen beobachte, ist ein zunehmender Hang zu extremen Meinungen und Tendenzen. Zu aggressivem Verhalten, Überreaktionen und verbalen Attacken. Angstschürende Nachrichten über das Coronavirus auf der einen, teils heftiger Widerstand gegen politische Entscheidungen auf der anderen Seite. Gefühlt werden die Meinungen beider „Lager“ immer heftiger, immer extremer. Und auch, wenn jeder seine Wahrheit hat und wir viele politische Entwicklungen momentan durchaus mit wachsamen und kritischen Blicken beobachten sollten, so liegt für mich die Lösung in der Mitte. Und damit in einem gelebten Wert, der dieser Tage denke ich eine besondere Beachtung verdient hat: Neutralität. Man sagt nicht umsonst, dass es immer 3 Wahrheiten zu jedem Diskurs gibt: Meine Wahrheit, deine Wahrheit und eine Wahrheit, die wir beide nicht kennen. Es ist somit nur wenig hilfreich, mit seinem eigenen Standpunkt Recht behalten und andere überzeugen zu wollen. Alles hat seine wahren Anteile. Die hohe Kunst besteht in der inneren Haltung, all diese Wahrheiten mindestens anerkennen zu können – und dies auch zu wollen. Selbst, wenn es nicht meine Wahrheiten sind. Das heißt nicht, dass ich sie auch teilen muss.

Vielfach kursierte in den letzten Wochen ein Bild im Netz, das eben diese innere Haltung, die es meiner Meinung nach jetzt braucht, ziemlich gut auf den Punkt bringt. Das Bild zeigt einige in Reihe liegende Streichhölzer, die von links angezündet werden und so eine Kettenreaktion auslösen, die auch die daneben liegenden Hölzer entzündet – und zwar bis zu dem Punkt, an dem eines dieser Streichhölzer ein Stück aus der Reihe herausgezogen wird (quasi einen Schritt zurück macht) und somit die rechts von ihm liegenden Streichhölzer nicht weiter ansteckt.

 

Brücken statt Polaritäten schaffen

Jedes Extrem, jede Form von Polarität fordert gleichzeitig den jeweiligen Gegenpol – das genau gegenüberliegende Extrem – heraus. Ein zu heftiger Ruck nach links macht den Raum frei für einen ebenso starken Ruck nach rechts. Genau das erleben wir derzeit weltweit auf politischen und sozialen Ebenen. Mahatma Ghandi pflegte schon zu sagen – und daraus sprach eine tiefe spirituelle Erkenntnis: Demonstriert nicht GEGEN etwas, sondern FÜR etwas. Indem ich gegen etwas bin und in den Widerstand gehe, gebe ich dem nur noch mehr Kraft, von dem ich mich eigentlich lösen will. Letztlich geht es nicht um Trennung. Sondern um das, was verbindet. Das erfordert von uns allen eine kritische Selbstreflexion und eine objektive und vor allem grundehrliche Auseinandersetzung mit unseren eigenen Ängsten.

Werte verbinden

Vielleicht liegt der Kunstgriff jetzt darin, uns unseren eigenen, inneren Widerständen zu stellen, statt sie ins Außen zu projizieren. Eine Beobachterrolle einzunehmen, die es uns selbst ermöglicht, Dinge aus einer übergeordneten Perspektive zu betrachten. Wenn es uns gelingt, die Brücke zwischen den Extremen zu schlagen (und der Schlüssel dazu liegt nach meinem Empfinden in einem werteorientierten und wertschätzenden Miteinander) dann – und erst dann – können die hohen Wellen wieder abflachen, die uns allen momentan das Leben so schwer machen und die Emotionen so hochkochen lassen…

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Sebastian Schmidt

Burn-in Coach & Unternehmer

Über den Autor:
Mehr als 8 Jahre in Führungspositionen und über 5 Jahre als selbständiger Unternehmer haben Sebastian Schmidt geprägt und zu dem Menschen gemacht, der er heute ist. Sein Erfahrungswissen möchte er weitergeben und andere auf ihrem Weg begleiten und unterstützen.