Die Gabe der Objektivität

– Warum Neutralität gerade jetzt ein wertvoller Begleiter ist –

Was für belebte Zeiten… 2020 fordert uns alle massiv heraus, Liebgewonnenes und alte Gewohnheiten nicht bloß in Frage zu stellen, sondern teilweise komplett aufzugeben. Veränderung steht für jeden einzelnen von uns ins Haus – ob wir wollen oder nicht.

Veränderung macht uns Angst – ist aber notwendig

Vor vielen Jahren schon hat mir ein geschätzter Freund und Mentor mit auf den Weg gegeben, dass die Menschen freiwillig nur selten zu Veränderung bereit seien. Wenn es uns gut geht, neigen wir dazu, den Status Quo um jeden Preis aufrecht erhalten zu wollen. Wir schaffen uns Konstrukte, die uns Kontrolle über eben diese Situation vorgaukeln und ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Zu wirklich tiefgreifender Veränderung – und damit der Aufgabe von Kontrolle und Ego – zwingt uns meist das Leben selbst und geschieht damit nur selten aus freien Stücken. Denn Veränderung entzieht uns Sicherheiten und nimmt uns vertraute Strukturen, an denen wir doch so gerne festhalten. Das macht vielen Menschen Angst und ist nachvollziehbar. Und dennoch (oder gerade deshalb) ist Veränderung so unendlich wertvoll und lebenswichtig. Das Konzept der Kontrolle ist am Ende eben nicht mehr als reine Illusion. „Veränderung heißt Leben. Stillstand bedeutet Tod“, pflegte mein Mentor immer zu sagen. Die Natur zeigt uns das jeden Tag.

Corona drängt uns alle nun in eine Situation, die Veränderung in einem sehr plötzlichen, sehr heftigen und sehr unbequemen Maße mit sich bringt. Eine Veränderung, die uns teils radikal dazu zwingt, uns zu bewegen und in andere Richtungen zu denken als bisher. Das birgt eine gewaltige Chance – wenn wir sie denn weise zu nutzen wissen. Und wenn wir es unseren Ängsten nicht erlauben, unser Denken und Handeln zu steuern.

Was ist die Wahrheit? Und welche innere Haltung braucht es jetzt?

Was ich derzeit in den Medien und an der inneren Haltung vieler Menschen beobachte, ist ein zunehmender Hang zu extremen Meinungen und Tendenzen. Zu aggressivem Verhalten, Überreaktionen und verbalen Attacken. Angstschürende Nachrichten über das Coronavirus auf der einen, teils heftiger Widerstand gegen politische Entscheidungen auf der anderen Seite. Gefühlt werden die Meinungen beider „Lager“ immer heftiger, immer extremer. Und auch, wenn jeder seine Wahrheit hat und wir viele politische Entwicklungen momentan durchaus mit wachsamen und kritischen Blicken beobachten sollten, so liegt für mich die Lösung in der Mitte. Und damit in einem gelebten Wert, der dieser Tage denke ich eine besondere Beachtung verdient hat: Neutralität. Man sagt nicht umsonst, dass es immer 3 Wahrheiten zu jedem Diskurs gibt: Meine Wahrheit, deine Wahrheit und eine Wahrheit, die wir beide nicht kennen. Es ist somit nur wenig hilfreich, mit seinem eigenen Standpunkt Recht behalten und andere überzeugen zu wollen. Alles hat seine wahren Anteile. Die hohe Kunst besteht in der inneren Haltung, all diese Wahrheiten mindestens anerkennen zu können – und dies auch zu wollen. Selbst, wenn es nicht meine Wahrheiten sind. Das heißt nicht, dass ich sie auch teilen muss.

Vielfach kursierte in den letzten Wochen ein Bild im Netz, das eben diese innere Haltung, die es meiner Meinung nach jetzt braucht, ziemlich gut auf den Punkt bringt. Das Bild zeigt einige in Reihe liegende Streichhölzer, die von links angezündet werden und so eine Kettenreaktion auslösen, die auch die daneben liegenden Hölzer entzündet – und zwar bis zu dem Punkt, an dem eines dieser Streichhölzer ein Stück aus der Reihe herausgezogen wird (quasi einen Schritt zurück macht) und somit die rechts von ihm liegenden Streichhölzer nicht weiter ansteckt.

 

Brücken statt Polaritäten schaffen

Jedes Extrem, jede Form von Polarität fordert gleichzeitig den jeweiligen Gegenpol – das genau gegenüberliegende Extrem – heraus. Ein zu heftiger Ruck nach links macht den Raum frei für einen ebenso starken Ruck nach rechts. Genau das erleben wir derzeit weltweit auf politischen und sozialen Ebenen. Mahatma Ghandi pflegte schon zu sagen – und daraus sprach eine tiefe spirituelle Erkenntnis: Demonstriert nicht GEGEN etwas, sondern FÜR etwas. Indem ich gegen etwas bin und in den Widerstand gehe, gebe ich dem nur noch mehr Kraft, von dem ich mich eigentlich lösen will. Letztlich geht es nicht um Trennung. Sondern um das, was verbindet. Das erfordert von uns allen eine kritische Selbstreflexion und eine objektive und vor allem grundehrliche Auseinandersetzung mit unseren eigenen Ängsten.

Werte verbinden

Vielleicht liegt der Kunstgriff jetzt darin, uns unseren eigenen, inneren Widerständen zu stellen, statt sie ins Außen zu projizieren. Eine Beobachterrolle einzunehmen, die es uns selbst ermöglicht, Dinge aus einer übergeordneten Perspektive zu betrachten. Wenn es uns gelingt, die Brücke zwischen den Extremen zu schlagen (und der Schlüssel dazu liegt nach meinem Empfinden in einem werteorientierten und wertschätzenden Miteinander) dann – und erst dann – können die hohen Wellen wieder abflachen, die uns allen momentan das Leben so schwer machen und die Emotionen so hochkochen lassen…

Pflege 4.0 beginnt jetzt

Wie wir Werte als neue Qualitätsrichtlinien verankern 

 (von Sebastian Schmidt und David Thiele)

Corona prägt das Jahr 2020 wie sonst nichts anderes. Die Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, unser Zusammenleben und unsere Wertesysteme werden uns noch lange darüber hinaus prägen und beschäftigen. Jetzt wird sich zeigen, wohin die Reise für uns als Gesellschaft geht. Insbesondere die Pflege gerät dabei endlich in den Fokus unserer Aufmerksamkeit und zeigt auf, was schon lange einer dringenden Korrektur bedarf: Die Schaffung von angemessenen Arbeitsbedingungen mit fairen Löhnen und weniger Bürokratie. Forderungen, die längst nicht neu sind und die jetzt vielleicht endlich die Chance zur dauerhaften Veränderung bieten. Werte sollten jetzt als neue Qualitätskriterien verankert werden.

 Wieviel Standards braucht die Pflege?

Wir erleben, wie Kontrollregeln in der Pflege gelockert und Qualitätsrichtlinien vorübergehend außer Kraft gesetzt werden. Bei allen wachsamen und kritischen Blicken, die hier sicher angebracht und notwendig sind, bietet aber genau diese Lockerung die Möglichkeit zum Wandel. Wie lange schon beklagen sich Pflegekräfte bereits über die immer weiter zunehmende Dokumentation ihrer Arbeit, die sie von ihrer eigentlichen Passion – dem Dienst am Menschen – abhält. Die Qualitätsstandards nehmen von Jahr zu Jahr zu, verlieren dabei jedoch das eigentliche Ziel der Pflege auch zunehmend aus den Augen.  

Durch Corona erleben wir, wie Pflegekräften genau diese ohnehin obsolete Bürde der Bürokratie zu einem Großteil genommen wird. Und wie damit potentieller Raum für die eigentliche Arbeit am Patienten frei wird. Wir sagen vorsichtig „potentiell“, denn natürlich sind die momentanen Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte alles andere als selbstbestimmt.  Dennoch: Wenn wir in Zeiten wie diesen ohne übertrieben aufgeblasene Qualitätsstandards auskommen können – warum dann nicht auch nach Corona? Und wenn diese Qualitätskriterien wegfallen, welche neuen Ideen kann man ansetzen? Die Antwort lautet: Wertebasierte Unternehmensführung.  

Es braucht mehr denn je und genau jetzt neue Schwerpunkte bei den Qualitätskriterien. Pflege 4.0. beginnt jetzt!  

 Der nächste Wirtschaftszyklus liegt im Gesundheitswesen

Wer sich schon einmal mit der Theorie der zyklischen Wirtschaftsentwicklung nach Nikolai  Kondratjew beschäftigt hat, wird feststellen, dass wir unmittelbar vor dem Beginn eines neuen Wirtschaftszyklus stehen – auch, wenn es sich momentan (noch) nicht danach anfühlt. Einige Experten mutmaßen, dass die neuen Innovationen zukünftig aufstrebender Wirtschaftszweige im Bereich des Gesundheitswesens liegen werden. Und hier vor allem im Bereich der psychosozialen Gesundheit. Was für eine Chance! Zumal unser Arbeitsminister, Hubertus Heil, erst kürzlich betont hat, dass die eigentlichen Leistungsträger unserer Gesellschaft weder Anzug noch Krawatte tragen. Die Helden von Corona sind vor allem die Pflegekräfte. Und das muss jetzt endlich gesehen werden und Konsequenzen haben. 

 Neue (Werte-)Qualitätskriterien anlegen

Wir sollten uns also damit beschäftigen, welche neuen (Werte-)Qualitätskriterien wir in der Pflege ansetzen – und natürlich auch, wie wir diese messen können. Es wird neue Tools zur Evaluierung geben müssen. Einfachere und effektivere. Etwa auf das Unternehmen angepasste Online-Umfragen, motivatorische Kennzahlen (etwa die Verweildauer der Mitarbeiter in der Einrichtung, Arbeitsunfähigkeitsquoten, Fluktuationsquoten, Bewerberquoten etc.). Weiterführend betrachtet sind anonyme Mitarbeiterbefragungen an zentraler Stelle zuverlässiger und zielführender. Sie sind unternehmensübergreifend, anonym, benchmarkfähig und klar zuzuordnen. So könnte eine zentral initiierte, geleitete und begleitete Befragung zum Beispiel jährlich durchgeführt werden. Und sie würde von dem Vertrauen leben, dass die Ergebnisse und Kommentare auch wirklich zu einem Feedback und einer Reaktion führen. 

Wenn wir wollen, dass aus kurzzeitigen Solidargemeinschaften nachhaltiges Gemeinschaftsgefühl entsteht, müssen wir alle jetzt umdenken. Zumal sich gerade derzeit doch die wahren Wertesysteme von Arbeitgebern so deutlich offenbaren wie nie zuvor (siehe Stopp der Mietzahlungen von Adidas, Karstadt etc.). 

Politische Debatten anstoßen

Jetzt ist die Zeit, auf unternehmerischer und politischer Ebene neue Lösungen zu entwickeln und umzudenken. Und damit der Pflege endlich die Wertschätzung und neue Kriterien entgegenzubringen, die sie längst verdient hat. Diese jetzt einmalige Situation bietet eine ebenso einmalige Chance. Dabei geht es weniger um ultimative Lösungen als vielmehr um den Anstoß zu einer längst fälligen Debatte zur aktiven Neugestaltung der (Pflege-) Zukunft. 

Lassen Sie uns miteinander neue Lösungen entwickeln. Wir freuen uns auf einen regen Austausch und einen produktiven Diskurs dazu. 

Ihr 

Sebastian Schmidt & David Thiele